Zelensky in der Falle

Der Serbien-Besuch des ukrainischen Präsidenten, inklusive der Ankündigung, Kosovo nicht anerkennen zu wollen, wird sich langfristig als strategischer Fehler zeigen. Von Rainhard Kloucek

Viele Experten haben Volodymyr Zelensky die Position des Präsidenten nicht zugetraut. Als dann im Februar 2022 Putin die Ukraine angegriffen hat, bewies der ukrainische Präsident mit seiner Aussage Führungsstärke: Ich brauche kein Taxi, ich brauche Munition. Westliche Dienste hatten angeboten, Zelensky aus der Ukraine herauszuholen. Er blieb im Land, um seine Heimat zu verteidigen.

Viele Kritiker haben danach ihre anfängliche Skepsis gegenüber Zelensky abgelegt, sein konsequentes und gutes Auftreten auf der Bühne der Weltpolitik mit seinen klaren Botschaften gelobt.

Sein jüngster Auftritt mit dem serbischen Diktator Alexander Vucic dürfte sich aber noch als schwerer Fehler herausstellen. Schon davor war nicht klar, warum er den beliebten und sehr gut arbeitenden Verteidigungsminister (und andere Minister) Fedorow abgesetzt hat.

Gewiss, die Ukraine braucht Munition, Serbien kann sie liefern. Das sind aber keine Geschenke aus Belgrad, dafür fließt gutes Geld. Serbien ist Moskaus engster Verbündeter am Balkan, die Bevölkerung ist mehrheitlich pro-russisch. Die Medienlandschaft ist eindeutig Pro-Kremlin ausgerichtet. Erinnern wir uns: Bei der Vernichtungsinvasion Moskaus gegen die Ukraine im Februar 2022 berichteten serbische Medien, die Ukraine habe Russland überfallen.

Anders ist die Situation im Kosovo. Das kleine Land hat sich ganz klar pro westlich positioniert, trägt die Sanktionen gegen Moskau mit, weiß aufgrund seines eigenen Freiheitskampfes, was es bedeutet, wenn ein Kolonialherrscher meint, das Land als Kolonie beherrschen zu dürfen.

Die Ukraine hat die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkannt. Das war noch ein Relikt aus der Beherrschung durch Moskau und stand – verständlicherweise – während des Krieges nicht ganz oben auf der Liste. Ein gutes Zeichen für die Herauslösung aus der Moskauer Denkschule wäre es aber schon gewesen.

Nun hat Zelensky bei einem Besuch bei Vucic erklärt, der Kosovo sei Teil Serbiens, die Ukraine werde die Unabhängigkeit nicht anerkennen. Damit hat er sich rhetorisch auf die Seite des Aggressors gestellt.

Natürlich können wir bisher nur spekulieren, was die Motivation des ukrainischen Präsidenten für diese eindeutige Stellungnahme war. Die realpolitische Notwendigkeit der Munitionsbeschaffung könnte eine solche Motivation sein. Aber wäre dafür die klare Aussage gegen Kosovo notwendig gewesen?

Es gibt auch Spekulationen, wonach Zelensky von Vucic erwartet, dass er Putin zu einem Waffenstillstand bewegen könnte, um so zu Gesprächen zu kommen, um den Krieg zu beenden, zumindest um ihn einzufrieren. Selbst wenn daran etwas dran ist, selbst wenn es tatsächlich so sein könnte, dass Vucic den Tyrannen von Moskau dazu bringen könnte (tatsächlich gibt es viel mehr gute Gründe gegen diese Annahme als dafür), einem Waffenstillstand zuzustimmen: warum diese klare Positionierung für den Aggressor im Kosovo?

Für Vucic ist die Lage klar. Er legitimiert seine Aggression gegen Kosovo mit der Unterstützung durch das Opfer der Aggression im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er kann plötzlich so tun, als stünde er auf der Seite des Verteidigers der Freiheit. Er kann damit seine Schaukelpolitik weiter betreiben. Im Westen werden viele Unterstützer der Ukraine ihren Glauben an eine tatsächliche europäische Politik durch den ukrainischen Präsidenten in Zweifel ziehen. Wenn er einen derartigen Haken zu einer eindeutig pro-russischen Haltung am Balkan schlägt, was müssen wir dann von Zelensky noch erwarten.

Natürlich muss Europa die Ukraine weiter unterstützen. Es geht ja nicht um die undurchsichtigen Manöver eines Präsidenten. Es geht um die Freiheit der Ukrainer und um die Freiheit der restlichen Europäer.

Die ukrainische Diplomatie sollte sich schleunigst daran machen, hier eine Klärung herbeizuführen.