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Interview mit Paneuropa Jugend-Vorsitzenden Philipp Jauernik im „Couleur“

Anlässlich seines Amtsantrittes hat das MKV-Magazin „Couleur“ den Bundesvorsitzenden der Paneuropa-Jugend Österreich, Philipp Jauernik, zum Interview gebeten.

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Europa muss ein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts sein

 

Kbr. Philipp Jauernik (FRW) wurde im April zum neuen Bundesvorsitzenden der Paneuropa-Jugend Österreich gewählt. Das Couleur hat ihn am Pennälertag in Baden zum Gespräch über Europa, Grundwerte und Zukunftsentwicklungen getroffen.

 

Was bedeutet „Paneuropa“ 2016?

 

Weniger 2016, sondern es ist eine langfristige Sache. Ich glaube, dass gerade in der heutigen Zeit, wenn wir uns die politischen Zustände der Europäischen Union und ihrer Staaten anschauen, es umso mehr eine wertegeleitete Politik braucht, die weiß, wohin die Reise gehen soll.

 

Stichwort „Werte“: Welche sind die zentralen der Paneuropabewegung?

 

Wir stehen als Organisation dem MKV in vielen Punkten nahe –  das Weltbild, das klar auf der katholischen Soziallehre aufbaut, die Subsidiarität sowie die Freiheit des Individuums und die Freiheit der Völker. Es geht darum, dass jede Region, jedes Land auf Basis seine Traditionen und Kultur bewahrt, weil das Europa reich macht – und wir Europa dort, wo es sinnvoll ist, gemeinsam führen. Die Welt verändert sich, daher ist es umso wichtiger, dass regionale Eigenheiten bewahrt werden. Die Basis Europas sind das Christentum, das römische Recht und die griechische Philosophie. Das ist ein sehr solides Fundament.

 

Wie gut sind diese Werte in der Europäischen Union ausreichend verwirklicht?

 

Mittelmäßig. Positiv kann hervorheben, dass im Europäischen Parlament eine sehr demokratische Grundhaltung vorhanden ist. Wenn man es etwa mit dem österreichischen Nationalrat vergleicht, können wir feststellen, dass kein Fraktionszwang herrscht, sondern ein wirklich freies Mandat. Gleichzeitig hat die Union ein Problem bei der Subsidiarität, da wird zu stark zentralistisch und intergouvernemental gedacht.

 

Wie passt weniger Zentralisierung mit einem vereinten Europa zusammen?

 

Die Stärke Europas liegt in der Vielfalt, ihre Erhaltung geht aber nur über Subsidiarität. Europa kann mit Zentralismus gar nicht funktionieren. Ich halte es für ein Hauptproblem, auch in Österreich, dass immer nur die Frage gestellt wird „wie regulieren wir etwas“ und nie, ob die Regulierung überhaupt notwendig ist. Wenn sie nötig ist, muss man die richtige Ebene finden.

 

Also eigentlich Devolution?

 

Ja. Derzeit macht das meiste die nationalstaatliche oder europäische Ebene. Dabei könnten oft Bezirke oder Bundesländer zielgenauer agieren. Das bedeutet, dass etwa der Bau eines Schwimmbads oder kleinen Straße am besten im jeweiligen Bezirk getroffen wird.

 

Wozu braucht es überhaupt eine europäische Einheit?

 

Das wird dann ersichtlich, wenn man in längeren Zeiträumen und größeren Einheiten denkt. Europa hatte, speziell im zweiten nachchristlichen Jahrtausend, immer eine globale Führungsrolle inne. Aber das portugiesische, das spanische und das britische Weltreich sind zerbrochen, ihre Plätze haben die USA, Russland und China eingenommen. Wir leben in einer immer stärker globalisierten Welt. Die alten europäischen Nationalstaaten, wie wir sie im 20. Jahrhundert kennengelernt haben, sind alleine nicht mehr in der Lage, diese Rolle auszuüben. Das können wir nur gemeinsam.

Der zweite Aspekt ist, dass Europa eine gemeinsame kulturelle Tradition mit regionaler Vielfalt hat. Der auf der Sprache aufbauende Nationalismus, ein fatales Konstrukt des 19. Jahrhunderts, hat uns in zwei Weltkriege geführt. Anstatt zusammenzuarbeiten haben wir uns selbst nahezu vernichtet.

 

Welche Entwicklungsschritte bräuchte es für eine effizientere und wirkungsvollere Gestaltung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik?

 

Das Europäische Parlament hat schon 1998 eine Resolution verabschiedet, den Grenzschutz gemeinsam zu koordinieren. Gescheitert ist es, wie so oft, an den Mitgliedstaaten. Die wollten sich nichts reinreden lassen, aber am Ende haben sie überall nur Pfusch abgeliefert.

 

Wechseln wir das Thema: Was bedeutet für Dich „Heimat“ in einem vereinten Europa?

 

Heimat hat sehr viel mit Identität zu tun. Diese Identität fußt einerseits auf der Gegend, wo ich herkomme, hat aber gleichzeitig auch eine kulturelle und religiöse Komponente. Karl von Habsburg hat einmal gesagt, eine europäische Stadt erkennt man daran, dass sie um ein Gotteshaus herum erbaut wurde. Das ist in China oder Amerika nicht unbedingt der Fall.

 

A propos USA, Russland und China. Wie siehst Du die Rolle Europas im Spannungsfeld mit diesen Staaten? Wie sollte sich Europa hier positionieren?

 

Wir erleben in der jüngeren Vergangenheit wieder verstärkt eine Debatte, ob wir uns an Washington oder an Moskau orientieren wollen. Das finde ich völlig absurd – warum so ein geringes Selbstwertgefühl? Gerade wir Europäer verweisen gerne darauf, dass wir über eine viel längere kulturelle Vielfalt und mehr Traditionen als die USA verfügen und dass gleichzeitig Bürgerrechte, Demokratie oder Freiheitsrechte viel stärker ausgebaut sind als beispielsweise in Russland oder China. Warum reden wir also davon, wer von denen uns führen soll? Machen wir es doch selbst!

 

Wie erklärst Du dir dieses mangelnde Selbstwertgefühl?

 

Es gibt zu wenig Verständnis darüber, dass wir nicht nur Wiener, Tiroler, Bayern, Italiener sind, sondern auch Österreicher und Europäer. Wir denken noch sehr in kleinteiligen, alten Strukturen. Der Russe und der Amerikaner versteht sich als Teil einer Großmacht, wir sehen unsere eigenen Stärken zu wenig.

 

Zurück zur Paneuropa-Jugend: Welchen Beitrag zu den angesprochenen Themen könnt ihr leisten?

 

Wir verstehen uns als Teil der Zivilgesellschaft, bringen unsere Werte in den Diskurs ein und verwenden unser Netzwerk, dazu, junge Menschen zusammen zu bringen. Wir sind in über 20 Staaten inner- und außerhalb der Union vertreten und jede Mitgliedsorganisation veranstaltet zu regional und europäisch relevanten Themen regelmäßige Zusammenkünfte, wo wir gezielt junge Menschen aus anderen Ländern dazu einladen. Wir suchen den Kontakt zu Entscheidungsträgern und ventilieren unsere Ideen auf politischer Ebene.

 

Du hast vorhin von Prinzipien gesprochen. Auch der MKV hat bekanntlich vier Prinzipien – wo siehst Du hier die Parallelen? Welche Rolle spielen die Prinzipien des MKV in einem vereinten Europa?

 

Ich glaube, dass der MKV mit seinen Prinzipien enorm zukunftsorientiert aufgestellt ist, weil er mit dem Prinzipien religio und patria den Menschen ihre Verankerung gibt. Gleichzeitig sind Fortbildungen und lebenslanges Lernen, die Scientia, genau die Dinge, die ein junger Mensch braucht, um in der Zukunft bestehen zu können. Bildung ist der Schlüssel.

 

Wie sieht Dein Europa der Zukunft aus? Welche Vision hast Du?

 

Wir können uns nicht mit dem jetzigen Stand zufrieden geben. Wir müssen Entscheidungen regionaler fällen, Freiheitsrechte stärken, außenpolitisch global denken. Die Union braucht klare, schlanke Strukturen, weniger Regulierung nach innen und mehr Stärke nach außen. Gemeinsamer Grenzschutz, aber keine Glühbirnenregulierung, um es banal auszudrücken. Europa muss ein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts sein.

 

Man merkt ja auch, dass die Politik viel daran setzt, die Freiheit des Einzelnen weiter einzuschränken und vieles davon schleichend passiert, ohne, dass sich die Bevölkerung dessen überhaupt bewusst ist…

 

Ich glaube, dass das Bewusstsein darüber, welchen Wert Freiheit hat, gerade in unseren Breitengraden, wo es uns wirklich sehr gut geht, paradoxerweise nicht mehr so stark vorhanden ist. Man bekommt allerdings ein besseres Gefühl für die eigene privilegierte Situation, wenn man etwa in die Länder des Westbalkans und des ehemaligen Warschauer Paktes reist, wo Freiheit und Frieden noch nicht lange selbstverständlich sind. Auch Tirol ist ein gutes Beispiel: Es ist schon paradox, dass ausgerechnet nationaler gesonnene Kreise jetzt darüber jubilieren, wenn mitten in Tirol wieder Pässe kontrolliert werden. Andrerseits ist das eben eine Folge des fehlenden gemeinsamen Grenzschutzes und damit eine temporär notwendige Maßnahme. Es kann aber nicht auf Dauer sein, dass ein Südtiroler, der nach Innsbruck fährt, darunter leiden muss, dass die Italienische Küstenwache nicht in der Lage ist, ihren Job zu erledigen. Da trifft es eindeutig die falschen.

 

Infobox:

Die Paneuropa-Union wurde 1922 vom Österreicher Richard Coudenhove-Kalergi in Wien gegründet. Sie steht für ein vereintes Europa auf Basis der Subsidiarität und christlicher Werte. Heute ist die Organisation in 20 Staaten vertreten. Präsident des österreichischen Zweiges ist Karl von Habsburg, international ist es der Franzose Alain Terrenoire. Zu ihren bekannteren Mitgliedern zählen unter anderem Albert Einstein, Franz Werfel, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß, , Paul Rübig, Bruno Kreisky und Otto von Habsburg. Anfang Oktober findet in Wien ein großer Jubiläumskongress anlässlich des 90. Jahrestages des ersten Paneuropakongresses von 1926 statt.

www.paneuropa.at