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Das Paneuropa-Picknick vom 19. August 1989, das Ende der Teilung Europas

"Paneuropa ist ganz Europa”. Für diese klare Aussage wurden die Vertreter der Paneuropa-Bewegung von vielen Vertretern der Realpolitik immer wieder als Revanchisten, kalte Krieger und Ewiggestrige abgetan. Was heute selbstverständlich ist, daß man die Grenze nach Ungarn, Tschechien, die Slowakei oder auch nach Slowenien ganz ohne Probleme überschreiten kann, war vor 1989 noch politischer Wunschtraum eben dieser Revanchisten. Die NATO im Westen, der Warschauer Pakt im Osten, dazwischen ein paar Neutrale, das war die aus dem Vertrag von Jalta erwachsene "Ordnung” eines geteilten Europa. An der Berliner Mauer wurde genauso geschossen wie an den sonstigen Teilen des Eisernen Vorhanges. Trotzdem versuchten immer wieder einzelne Menschen, dem sozialistischen Paradies zu entfliehen.



1989 gelang dann die Massenflucht, der Eiserne Vorhang zerfiel, die Berliner Mauer wurde überwunden, die Statthalter des Sowjetkommunismus in Mitteleuropa wurden Geschichte.

Wegbereiter dieser Entwicklung waren wohl Polen und Ungarn. Den westlichen Regierungen – mit Ausnahme weniger Vertreter – kann man hier kaum einen Verdienst zuschreiben. Als in Polen Anfang der achtziger Jahre die Arbeiter den kommunistischen Gewerschaften davonliefen und die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc´ unter Lech Walesa begann, einen friedlichen Machtwechsel in Polen zu fordern, hielt der Österreichische Gewerkschaftsbund ÖGB an seinen Kontakten zur kommunisten Staatsgewerkschaft fest und baute auch keine Verbindungen zur Solidarnosc´ auf. Am 4. Juni 1989 gab es in Polen bereits erste "freie” Wahlen. Die Solidarnosc´ eroberte dabei 99 von 100 Senatssitzen sowie alle der 160 frei zu wählenden Sitze im Sejm, dem polnischen Parlament. Die Kommunisten hatten sich in den vorangegangenen Verhandlungen 300 Sitze im Sejm reserviert. Zwei Monate später hatte das Land mit Tadeusz Mazowiecki einen nichtkommunistischen Premierminister.

In Ungarn hatte es schon Jahre zuvor einen geheimen Beschluß gegeben, neue Gesetze so zu formulieren, daß sie kompatibel zu den Bestimmungen der damaligen EG waren. 1989 begannen die Magyaren dann mit dem schrittweisen Abbau des Eisernen Vorhanges. Ende Juni fand der allseits bekannte Phototermin an der österreichisch-ungarischen Grenze statt, bei dem die beiden Außenminister Gyula Horn (Ungarn) und Alois Mock (Österreich) gemeinsam mit einer Drahtschere ein Stück Stacheldraht durchschnitten. Das Bild ging um die Welt. Das erste sichtbare Loch war da, und so mancher Ungarnurlauber aus einem der sozialistischen Bruderländer machte sich dieses Loch für einen Übertritt in die Freiheit zu Nutze.

Bereits 1987, so berichtet der ungarische Generalmajor Jànos Székely, habe der Grenzschutz, dessen Chef er war, eine Vorlage für die Regierung erarbeitet, die einen Abbau der elektronischen Grenzsicherung empfahl. Die Anlagen waren teilweise kaputt, reagierten auf Wind, Wetter und Vogelflug, sodaß die Soldaten Alarmmeldungen – meist ohne zu kontrollieren – wieder abstellten. In Moskau war Michael Gorbatschow an der Macht. Dem ungarischen Ministerpräsidenten Miklós Németh hatte er versprochen, die "Sünde von 1956 nicht zu wiederholen”.



Am 19. August, am Vorabend des ungarischen Nationalfeiertages, sollte an der österreichisch-ungarischen Grenze jene paneuropäische Politik, die sich mit der Teilung des Kontinentes niemals abfinden wollte, zumindest für kurze Zeit in die Tat umgesetzt werden. Bei einem Paneuropäischen Picknick an der Grenze könnten Bürger beider Ländern einmal ausprobieren, wie es denn sein würde, ohne Eisernen Vorhang. Staatsminister Imre Poszgay und Otto von Habsburg hatten die Schirmherrschaft übernommen. "Baue ab und nimm mit!” So stand es auf dem Flugblatt für das Picknick. "Die Teilnehmer dürfen sich selbst am Abriss des Eisernen Vorhanges beteiligen und das mit Zertifikat versehene Stück mitnehmen!” Wegen des Zertifikates war wohl niemand gekommen. Es ging um die Freiheit.

Erst wurde der Stacheldraht an mehreren Stellen durchtrennt und abgerissen. Auf der Wiese des Picknick-Geländes stand ein Wachturm, den kurz vorher noch ungarischen Grenzsoldaten benutzt hatten. Jetzt wehte da oben eine Paneuropa-Fahne. Ein kleines Tor an der Grenze wurde geöffnet. Doch die fünf ungarischen Grenzer, die österreichischen Besuchern ein Tagesvisum ausstellen sollen, können ihre eigentliche Arbeit nicht mehr erledigen. Hunderte Bürger der sogenannten DDR waren – angelockt durch die zu Tausenden verteilten Flublätter – gekommen, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Manche waren zuvor schon gescheitert, bei dem Versuch in die Freiheit zu fliehen. Diesmal sollte es gelingen. 661 Mitteldeutsche gelangten in die Freiheit.

Mehr als die Sachen, die sie am Leib trugen, allenfalls noch eine kleine Tasche hatten sie nicht mit. Der Trabi, auf den sie jahrelang hatten sparen müssen, blieb in Ungarn. Aber was ist schon ein Auto gegen die Freiheit. Lachend und weinend gleichzeitig waren sie dem Arbeiter und Bauernparadies des Erich Honecker mit seinen sowjetischen Panzern und der Berliner Mauer entkommen.

Zu den Helden des Tages gehörten neben den Organisatoren auch die ungarischen Zöllner, die in dem Chaos das die Massenflucht brachte, Ruhe bewahrten. Walburga von Douglas, die internationale Paneuropa-Generalsekretärin, die damals in Vertretung ihres Vaters Otto von Habsburg eine Rede gehalten hat, erinnert sich an ein Gespräch mit einem der Zöllner: "Wir haben drei Möglichkeiten. Entweder schießen wir in die Masse der Fliehenden, aber das werden wir sicher nicht tun, denn wir wollen niemanden verletzen. Oder wir versuchen die Menschenmassen zu stoppen, aber das können wir mit unseren Kräften nicht, wir sind dafür viel zu wenige. Die dritte Möglichkeit ist die, die uns am besten und richtigsten erscheint: Wir drehen uns um und lassen alle die wollen in die Freiheit laufen.” Danach bat er sie um ein Autogramm auf einen der rosa Visaanträge, "zur Erinnerung an einen für Europa historischen Tag”, wie er sagte.

Erick Honecker, mit den Ereignissen überhaupt nicht einverstanden, machte in einem Interview mit dem Daily Mirror – Herausgeber Robert Maxwell führte das Interview persönlich – Otto von Habsburg für die Massenflucht aus seiner DDR verantwortlich: "Habsburg verteilte Flublätte bis weit nach Polen hinein, auf denen die Ostdeutschen Urlauber zu einem Picknick eingeladen wurden. Als sie dann zu dem Picknick kamen, gab man ihnen Geschenke, zu Essen und Deutsche Mark, dann hat man sie überredet in den Westen zu kommen.”

Die Neue Zürcher Zeitung kommtierte es als einen Witz der Geschichte, daß gerade Österreich-Ungarn den Preußen in die Freiheit verhalf.

1996 wurde in Fertörakos (Kroisbach), dem ungarischen Teil des Picknick-Geländes, eine dem Stacheldraht nachempfundene sieben Meter hohe Skulptur zum Gedenken an das historische Ereignis aufgestellt. Eine Gedenktafel trägt die acht Namen der wichtigsten Personen für das Paneuropa-Picknick: Otto von Habsburg, der mit Imre Poszgay die Schirmherrschaft übernommen hatte; Walburga von Habsburg und Laszlo Vass, die in Vertretung ihres Vaters bzw des Staatsminister bei dem Picknick Reden hielten; Imre Kozma, damals Präsident des Ungarischen Malteserdienstes, der in Budapest ein Flüchtlingslager für DDR-Bürger eingerichtet hatte; Csilla Freifrau von Boeselager, die sich unermüdlich um die Flüchtlinge kümmerte; Lukacs Szabo, damals Vorsitzender des Demokratischen Forums von Debrecen und seine Assistentin Maria Fülep.

Bereits in seinem Grußwort von 1989 hatte Otto von Habsburg festgehalten: "Ich bin glücklich, daß wir uns gerade am Vorabend jenes Tages hier treffen, der unserem König Sankt Stephan geweiht ist, und der ganzen Welt beweisen können, daß die finsteren Jahre der Diktatur zu Ende sind und bereits das Morgenrot der Freiheit sichtbar wird. ...Wir dürfen deshalb solange nicht ruhen, bis Ungarn Mitglied jener Europäischen Gemeinschaft wird, die jetzt im Entstehen begriffen ist und die die Zukunft unseres Erdteils darstellt. Wir müssen uns weiter dafür einsetzen, daß in Ungarn eine echte pluralistische Demokratie und bürgerliche Freiheit entsteht, und eine solche soziale Ordnung, die jedem unserer Landsleute eine menschenwürdige Existenz sichert. Auf diesem Weg haben wir bereits große, ich möchte sagen jede Hoffnung übersteigende Erfolge erzielt. Aber der Erfolg ist kein Polster, auf dem man sich ausruhen kann. Der Erfolg kann nur ein Ausgangspunkt sein. Es ist unsere Aufgabe die ungarische und die europäische Zukunft zu gestalten.”

Die Paneuropabewegung Österreich hielt in einer Presseerklärung zum zehnten Jahrestag fest, daß die Erweiterung der Union die logische Folge der damals gewonnen Freiheit ist. "Heute, zehn Jahre nach dem Paneuropa-Picknick, geht es darum, die damals in Mitteleuropa gewonnene Freiheit in das politische Projekt europäische Einigung einzubeziehen. Karl Habsburg, Präsident der Paneuropabewegung Österreich dazu: "Die Erweiterung der Europäischen Union ist eine logische Folge der 1989/1990 gewonnen Freiheit. Esten, Ungarn, Slowaken oder Kroaten haben genauso ein Recht auf Europa wie Österreicher, Deutsche, Spanier oder Schweden.” Gerade Österreich, das damals von einer Randlage wieder in die Mitte Europas gerückt ist und von der Ostöffnung enorm profitiert hat, sollte eine aktive Vorreiterrolle in der Frage der Erweiterung der Union spielen.”

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